Wenn das Herz bricht …

Was lange Zeit als abgedroschene Floskel galt, hat nach jüngsten medizinischen Erkenntnissen einen realen Hintergrund: ein akutes Herzleiden namens Broken Heart Syndrom.
Du hast mir das Herz gebrochen! Egal, ob deutscher Schlager, angelsächsischer Popsong oder französisches Chanson: Die Musikbranche ist voll mit Titeln, in denen die Textzeile in dieser oder ähnlicher Form den Hörer zu Tränen rühren soll. Und weil es sich hierbei um eine der am häufigsten bemühten Floskeln der Musikgeschichte handelt, wird für gewöhnlich nur milde belächelt, wer von gebrochenen Herzen singt.
Warum verwenden aber so viele Sprachen überhaupt dieses widersinnige Bild, wenn doch bekannt ist, dass Herzen ohne massive äußere Gewalteinwirkung nicht brechen können? Man weiß es nicht! Sehr wohl aber weiß jedes Kind, was damit gemeint ist: das gebrochene Herz als Synonym für den Kummer, den eine unerfüllte oder enttäuschte Liebe bei den Betroffenen auslöst.
Während man das Bild des gebrochenen Herzens über Jahrhunderte der ausufernden Fantasie des Dichters zuschrieb, belehrt uns die moderne Medizin nun eines Besseren: Das gebrochene Herz gibt es tatsächlich! Natürlich bricht der Muskel in unserer Brust nicht plötzlich entzwei – sehr wohl aber nimmt er Schaden. Mitunter großen Schaden. Und natürlich hat das Krankheitsbild auch einen Namen: Man nennt es – wie könnte es anders sein – „Broken Heart Syndrom“ (Gebrochenes-Herz-Syndrom).
Die häufigste Ursache: Stress
Hannelore S. aus Köln ist eine von vielen Frauen, die auf unliebsame Weise Bekanntschaft mit diesem Leiden machen musste. Begonnen hatte alles damit, dass ihr Mann die 52-Jährige nach 26 Ehejahren zuerst betrog und schließlich verließ. Da Hannelore nur sehr schwer mit der Trennung von der Liebe ihres Lebens fertig wurde, traf sie sich regelmäßig mit einer Freundin, um dieser ihr Leid zu klagen.
Als die beiden eines Tages wieder einmal bei einer Tasse Kaffee zusammensaßen, klagte Hannelore plötzlich über Atemnot, Übelkeit und ein Stechen im Brustkorb. Ihre Freundin verständigte sofort den Notarzt, da diese Symptome auf einen sich anbahnenden Herzinfarkt hindeuteten. Und tatsächlich zeigten die Untersuchungen im Krankenhaus, dass eine Herzkammer kaum noch arbeitete. Doch das Ungewöhnliche dabei: Die bei einem Infarkt in Mitleidenschaft gezogenen Herzkranzgefäße waren völlig intakt!
Was ursprünglich nach einem Herzinfarkt aussah, wurde als „Stress-Kardiomyopathie“ (stressbedingte Erkrankung des Herzmuskels) diagnostiziert. Diese spontan einsetzende Funktionsstörung tritt zumeist nach besonderen psychischen oder physischen Belastungen auf, wie sie beispielsweise Todesfälle, Unfälle, Gewalterlebnisse oder eben Trennungen darstellen. Aus diesem Grunde gab man ihr auch den Namen Broken Heart Syndrom.
Symptome wie beim Herzinfarkt
Wie am Beispiel von Hannelore ersichtlich, ähneln die Symptome dieser erst im Jahre 1991 erstmals beschriebenen Krankheit sehr stark jenen eines klassischen Herzinfarkts. Es beginnt mit einem Gefühl der Schwäche, das von Schweißausbrüchen und Atemnot begleitet wird. Bald schon kommen ein Stechen im Brustkorb und Schmerzen im Hals oder im linken Arm hinzu und das Unwohlsein steigert sich zur Übelkeit. Der einzige auch für den Laien wahrnehmbare Unterschied zum Herzinfarkt ist die Tatsache, dass Letzterer meist nicht so spontan auftritt, sondern eine langjährige Vorgeschichte mit typischen Anzeichen wie Angina Pectoris (schmerzhaftes Engegefühl im Brustkorb) hat.
Obwohl sich die Symptome der beiden Erkrankungen so stark ähneln, sind die Entstehungsursachen unterschiedlich. Während beim Infarkt ein Herzkranzgefäß durch ein Blutgerinnsel verstopft und der Herzmuskel nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt wird, ist beim Broken Heart Syndrom keine krankhafte Veränderung der Herzkranzgefäße festzustellen. Vielmehr verkrampfen sich die Gefäße nur, was zwar ebenfalls zu einer Unterversorgung des Herzmuskels und damit zu einer Funktionsstörung der linken Herzkammer führt. Es kommt jedoch nicht zum Absterben von Herzmuskelgewebe, was die Heilungschancen gegenüber dem Herzinfarkt ganz erheblich verbessert.
In jedem Fall ist ein rasches und beherztes Einschreiten notwendig: Es ist keine Zeit zu verlieren und sofort der Notarzt zu rufen! Denn bei beiden Krankheitsbildern gilt: Je früher professionelle Hilfe zur Stelle ist und je früher sie therapiert werden, desto größer sind die Heilungschancen. Im EKG unterscheidet sich das Broken Heart Syndrom nicht vom klassischen Herzinfarkt, sodass eine exakte Diagnose nur durch Einführen eines Herzkatheters möglich ist. Die Therapie sieht in der Regel so aus, dass die Betroffenen ein paar Tage lang auf der Intensivstation beobachtet werden und in schwereren Fällen Betablocker (Stresshormonhemmer) verabreicht bekommen.
Betroffen sind fast ausschließlich Frauen
Eine Vorbeugung gegen das Broken Heart Syndrom ist leider kaum möglich, zumal die Auslöser für die Krankheit – wie bereits erwähnt –außergewöhnliche Belastungen sind, mit denen die Betroffenen zumeist plötzlich und unerwartet konfrontiert werden. Vor solchen traumatischen Erlebnissen ist leider niemand gefeit und es besteht auch kaum eine Möglichkeit, sich davor zu schützen.
Ein auffälliger Aspekt dieser akuten Erkrankung ist die Tatsache, dass mehr als 90 Prozent der betroffenen Patienten Frauen sind – und hier wiederum fast ausschließlich die Altersgruppe zwischen 50 und 70 Jahren. Nach Aussage von Kardiologen liegt das vermutlich daran, dass der Mangel an Östrogenen nach den Wechseljahren zu einer vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen führt, die wiederum bewirkt, dass sich die Herzkranzgefäße verkrampfen und den Herzmuskel lähmen. Bei jüngeren Frauen oder bei Männern tritt dieses Phänomen aufgrund des ausgeglicheneren Hormonhaushalts nur äußerst selten auf.
Gebrochene Herzen heilen meist von selbst
So gefährlich ein Broken Heart Syndrom auch sein kann, so sind dennoch zwei positive Aspekte zu vermerken: Zunächst gilt die Tatsache als erwiesen, dass das Risiko eines klassischen Herzinfarktes für die Betroffenen nicht steigt, wenn deren Herzkranzgefäße unauffällig sind. Dennoch raten Kardiologen, zusätzliche Risikofaktoren für einen Herzinfarkt wie Rauchen, Bluthochdruck oder zu hohe Cholesterinwerte nach Möglichkeit zu vermeiden oder wenigstens zu reduzieren.
Die zweite gute Nachricht: Während ein klassischer Herzinfarkt in nahezu 50 Prozent der Fälle tödlich endet, sind es beim Broken Heart Syndrom gerade einmal drei Prozent. Auch die Heilungschancen stehen wesentlich günstiger: Der krankhaft veränderte Herzmuskel regeneriert sich für gewöhnlich innerhalb weniger Wochen und auch das EKG normalisiert sich wieder. Und nicht nur das Risiko eines klassischen Herzinfarktes erhöht sich nicht – auch die Gefahr eines erneuten Auftretens des Broken Heart Syndroms ist sehr gering.
Dies war auch bei Hannelore der Fall. Nach einem rund zweiwöchigen Aufenthalt durfte sie das Krankenhaus wieder verlassen. Jetzt – drei Monate später – fühlt sie sich körperlich wieder völlig gesund. Geblieben ist noch ein wenig vom Trennungsschmerz, aber auch diese Wunden wird die Zeit heilen …