So trotzt Ihre Liebe dem Alltag
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – das gilt auch und ganz besonders für Beziehungen. Vom ersten Blickkontakt über das Ansprechen bis hin zum ersten Date: Alles ist neu, alles ist aufregend. Wer kein Teenager mehr ist, fühlt sich plötzlich wieder wie ein solcher. Dass sich auf dem Schreibtisch unerledigte Arbeit stapelt, dass man am nächsten Tag eigentlich früh raus muss, dass man das Chaos in der Wohnung schon längst beseitigen wollte – all das spielt keine Rolle mehr, alle Sorgen werden von einer Welle der Verliebtheit einfach weggeschwemmt.
Solange man die berühmte und viel strapazierte rosa Brille trägt, ist alles eitel Wonne. Die absonderlichsten Eigenarten des Objekts der Begierde erscheinen mit einem Mal schlicht und einfach liebenswert. Und die leise Stimme der Vernunft, die sich tief in unserem Inneren meldet und zaghaft anmerkt, dass nicht alle Eigenschaften liebenswert sind, wird schleunigst mit einer Portion Schmetterlinge im Bauch ruhig gestellt.
Irgendwann normalisiert sich dann der Hormonhaushalt doch wieder und der graue Alltag reißt erbarmungslos die Herrschaft an sich. „Am Anfang war ich ganz hingerissen davon, dass Michael so gerne kuschelt. Inzwischen finde ich es aber immer öfter nervig. Wenn ich am Morgen aufwache und weiß, dass mir ein harter Tag bevorsteht, habe ich einfach keine Lust, noch ewig in seinen Armen zu liegen“, erzählt Kerstin. Aber auch für Michael ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen: „In den ersten Wochen fand ich einfach alles an Kerstin bezaubernd, auch, dass sie viele Dinge so kritisch betrachtet. Mittlerweile halte ich ihre ständige Nörgelei aber kaum noch aus!“
Das Ende eines Ausnahmezustandes
Auf den ersten Blick handelt es sich eigentlich um Kleinigkeiten, über die sich die beiden beschweren. Doch gerade diese Kleinigkeiten sind es, die den Alltag bestimmen und ihn oft so schwierig machen. In der ersten Phase der Verliebtheit schweben wir auf Wolke sieben und halten diesen Zustand für Liebe und diese Liebe für ewig.
Nüchtern betrachtet ist Verliebtheit im Grunde aber nichts anderes als ein psychischer Ausnahmezustand, der sich nach einiger Zeit von selbst legt. Zum Glück, muss man eigentlich sagen, denn niemand würde es ertragen können, jahrelang verliebt zu sein. Ständig nur an den Angebeteten denken zu können, durcheinander zu sein und für nichts anderes mehr Zeit zu haben, ist auf Dauer vor allem anstrengend.
Wie Untersuchungen gezeigt haben, dauert das Gefühl der Verliebtheit durchschnittlich zwischen drei und sechs Monaten. Und das aus gutem Grund: Nach etwa drei Monaten stellt sich heraus, ob eine Frau schwanger ist oder nicht – für unsere Vorfahren der ausschlaggebende Punkt, um zusammenzubleiben oder sich nach einem neuen Partner umzusehen.
Von der Verliebtheit zur Liebe
Der moderne Mensch begibt sich freilich nicht mehr nur aus reinen Fortpflanzungszwecken in eine Partnerschaft. Und hier fangen die Schwierigkeiten auch schon an. Wie ist es zu schaffen, aus der entrückten Phase der Verliebtheit in eine ernsthafte Beziehung überzugehen, in der nicht jede romantische Anwandlung vom Alltagstrott schon im Keim erstickt wird?
Wenn der hormonelle Cocktail, der die Verliebtheit bewirkt hat, unsere vernebelten Sinne wieder freigibt, bricht die Realität mit ihrer ganzen Grausamkeit über uns herein. „Peter erschien mir so wunderbar feinfühlig und zurückhaltend. Jetzt frage ich mich aber manchmal, ob er nicht einfach ein Langweiler ist“, sagt Gertrud. Und Sandra klagt, dass aus den so schönen romantischen Stunden mittlerweile flüchtige Gespräche zwischen Tür und Angel und der kurze Austausch von Informationen am Ende eines langen Arbeitstages geworden sind.
Trotzdem sind sich Kerstin, Michael, Gertrud und Sandra einig: Sie lieben ihre Partner, sie wollen ihre Beziehungen nicht aufgeben, sie wissen nur oft einfach nicht mehr, wo die anfängliche Euphorie geblieben ist.
Liebe erfordert Arbeit
Diese Euphorie hat sich mit der Verliebtheit leise verabschiedet und – im günstigsten Fall – einem anderen Gefühl Platz gemacht: dem der Liebe. Und hier beginnt die eigentliche Arbeit. Beziehungen erfordern Aufmerksamkeit und den Willen, Kompromisse einzugehen, sich auf den anderen einzustellen, die Balance zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen des Partners zu finden. Klingt schwierig, ist es manchmal auch.
„Ich habe schon einige längere Beziehungen hinter mir, aus denen ich viel gelernt habe. Als ich jünger war, war ich der Meinung, dass eine Partnerschaft von ganz allein funktionieren müsse. Wer sich liebt, versteht sich schließlich. Es waren einige schmerzhafte Erfahrungen nötig, um zu begreifen, dass es nicht ganz so einfach ist. Heute versuche ich, meine Beziehung bewusster zu leben, ich bin bereit, an mir zu arbeiten und weiß, wie wichtig es ist, der Partnerschaft auch den nötigen Raum zu geben“, sagt Gernot.
Wer sich wie er aktiv mit seiner Beziehung auseinandersetzt, wird diese wahrscheinlich auch viel harmonischer erleben. Zwischen Überstunden, Kindererziehung, Hausarbeit und Wohnungsrenovierung bleibt das Gefühlsleben leider viel zu oft auf der Strecke. Und wenn die Überstunden abgeleistet sind, die Kinder erzogen sind, das Geschirr sauber ist und die Wohnung endlich eingerichtet ist, stellt man fest, dass man sich eigentlich nicht mehr viel zu sagen hat…
Inseln im Alltag
Das Ende vom Lied? So muss es nicht kommen, wenn man sich der Gefahren der Routine rechtzeitig bewusst wird. Schaffen Sie kleine Inseln im Alltag, die nur für die Beziehung reserviert sind! Es ist dabei nicht die Quantität, die eine Rolle spielt, sondern die Qualität.
Wer drei Stunden gemeinsam vor dem Fernseher sitzt, mit einem Ohr den Krimi verfolgt und mit dem anderen halbherzig den Ausführungen des Partners lauscht, hat zum Schluss wohl weder vom einen noch vom anderen viel mitbekommen. Da kann ein halbstündiges Gespräch in ruhiger Atmosphäre, vielleicht bei einem Glas Wein, wesentlich mehr bewirken.
Setzen Sie auf jeden Fall auch Prioritäten bei Ihrer Lebensgestaltung! Susanne hatte das Gefühl, dass es in ihrer Beziehung nicht mehr so richtig lief, dass der Alltag die Liebe fest im Griff hatte. „Irgendwann habe ich dann gedacht: Ist es wirklich so wichtig, dass der Küchenboden glänzt und ich meine Bürokleidung für die ganze Woche im Voraus bügle? Ich habe Max um etwas mehr Hilfe im Haushalt gebeten und manchmal ist mir inzwischen ein bisschen Unordnung einfach egal. Dafür bleibt mehr Zeit für uns“, erzählt sie. Mehr Zeit für die Sprache der Liebe, die oft ganz ohne Worte auskommt!
Liebe kann gelingen
Max hat mit seiner Hilfsbereitschaft gezeigt, wie viel ihm an Susanne liegt, sie hat unwichtigere Dinge hintangestellt und bringt ihrem Mann jetzt mehr Zärtlichkeit entgegen. Es sind oft die kleinen Dinge, die den Ausschlag dafür geben, dass die Liebe nicht im Alltag untergeht. Wer seinem Partner Anerkennung entgegenbringt und ihm durch Freundlichkeit, Höflichkeit und Ermutigung zeigt, wie sehr er ihn schätzt, hat schon viel gewonnen. Und wer hin und wieder ein kleines Geschenk macht, das wirklich von Herzen kommt, ist auf dem richtigen Weg.
Wenn man bereit ist, sich für seine Beziehung einzusetzen, an sich selbst zu arbeiten, Kompromisse einzugehen und damit ein solides Fundament für eine Partnerschaft zu schaffen, dem gelingt auch die Grätsche zwischen Liebe und Alltag, zwischen Romantik und Routine. Und vielleicht fällt es dann auch leichter, über die Kleinigkeiten hinwegzusehen, mit denen uns der Partner manchmal in den Wahnsinn treibt.
Auch wenn es kein Patentrezept gibt: Liebe kann gelingen! Und wenn Sie gerade frisch verliebt sind, so genießen Sie diesen verrückten Ausnahmezustand in vollen Zügen! Der Alltag mit all seinen Herausforderungen kommt ohnehin von alleine wieder…
