Buddhismus ist nicht blinder Verzicht …

Der Franzose Matthieu Ricard studiert seit vier Jahrzehnten die fernöstlichen Weisheiten und wurde so zu einem Grenzgänger zwischen Orient und Okzident.

„Nächstenliebe beginnt damit, dass man seinen Mitmenschen Wert beimisst und sich anderen gegenüber offen, achtsam und aufmerksam zeigt. Ihre Freuden und Leiden gehen mich etwas an, weil ich selbst glücklich sein und mich entfalten möchte!“ Mit diesen Worten beginnt eine sehenswerte Dokumentation von Regisseur Jeanne Mascolo de Filippis über eine der schillerndsten Gestalten Frankreichs.

Matthieu Ricard ist nicht nur ein renommierter Wissenschaftler: Der weltweit anerkannte Kenner des Buddhismus ist auch tibetanischer Mönch, Autor von Texten über Buddhismus und Meditation sowie Dolmetscher des Dalai-Lama. Und als ob das noch nicht reichen würde, ist der Franzose auch ein angesehener Fotograf und ein rastloser Organisator namhafter Hilfsprojekte.

Somit stellt sich die Frage, wie dieser Tausendsassa eigentlich zu dem wurde, was er heute ist. Matthieu Ricard wurde 1946 als Sohn der Künstlerin Yahne Le Toumelin und des Publizisten und Schriftstellers Jean-François Ricard geboren, der unter dem Pseudonym Jean-François Revel als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Philosophen in Frankreich gilt.

Matthieu Ricard wuchs somit in einem höchst intellektuellen Umfeld auf und studierte nach dem Abitur Molekularbiologie, um schließlich bei Nobelpreisträger François Jacob am Institut Pasteur in Zellulargenetik zu promovieren.

Ein Sinnsuchender

Dennoch fand der junge Matthieu Ricard nicht gleich seine eigentliche Berufung: „In meinem Studium beschäftigte mich vor allem das Problem, wie sich das menschliche Potenzial denn am besten nutzen ließe? Noch mehr quälte mich allerdings die Frage, wie man eigentlich ein Gefühl der Erfüllung erreichen könnte?“

Der entscheidende Wendepunkt kam laut Matthieu Ricard im Jahr 1967. „Meine Mutter hatte sich immer schon für alles interessiert, was mit Spiritualität zu tun hatte. Sie war damals nach Indien gegangen und hatte sich dem Buddhismus gewidmet. Schon während meines Studiums wollte auch ich diese außergewöhnlichen Menschen kennenlernen und Porträts von ihnen machen.“

Bei seinem Aufenthalt in der Himalaja-Region lernte Matthieu Ricard einige der bedeutendsten Lamas kennen, die getreu der tibetischen Tradition den Weg der Weisheit lehrten: Der erste war Kangyur Rinpoche, nach dessen Tod Ricard endgültig klar wurde, dass er bleiben und sich intensiv mit dem Buddhismus beschäftigen wollte.

So wurde er nach dem Abschluss seines Studiums Mönch und Assistent des bedeutenden Lehrers Dilgo Khyentse Rinpoche, mit dem er zwölf Jahre lang jeden einzelnen Tag verbrachte: „Ich dolmetschte damals sehr viel und verrichtete zahlreiche andere Arbeiten für das Kloster.“

Die wahre Bestimmung

Durch Zufall lernte Matthieu Ricard im Jahre 1989 bei einem Aufenthalt in seiner Heimat den Dalai Lama kennen. Dem Würdenträger fehlte bei seiner ersten Unterweisung in Frankreich ein Dolmetscher und Ricard übernahm kurzerhand diese Funktion. Obwohl das ohne Praxis ein Sprung ins kalte Wasser war – und das vor rund 10.000 Besuchern – meisterte er diese Aufgabe anscheinend so gut, dass er seither immer zur Stelle ist, wenn der Dalai Lama ins Französische gedolmetscht werden soll.

„Das macht mich natürlich sehr stolz, da der Dalai Lama nicht nur der höchste Würdenträger des tibetischen Buddhismus ist, sondern auch ein weltweites moralisches Vorbild. Was mir an ihm besonders gefällt, ist die Tatsache, dass er keine rätselhaften Erklärungen abgibt oder falsche Versprechungen macht“, ist Matthieu Ricard begeistert.

Dabei sieht er keinen Gegensatz zwischen dem Buddhismus als religiöser Lehre und der modernen Wissenschaft: „Vor allem die Bereiche der Medizin und der Naturwissenschaft sind wichtig. Der Buddhismus ist eine Wissenschaft der geistigen Erweckung – und der Weg dahin führt über Meditation.“

Zu diesem Zweck wurde im Jahre 1990 auch das „Mind and Life Institute“ in Louisville im US-Bundesstaat Colorado ins Leben gerufen, dessen Ziel es ist, den Dialog zwischen Buddhismus und Wissenschaft zu fördern und dadurch neue Erkenntnisse zu gewinnen. Unter anderem erforschen dort Psychologen und Neurologen den Zusammenhang zwischen Geist und Körper.

Soziales Engagement

Für Aufsehen sorgte ein Dialog zwischen Matthieu Ricard und seinem Vater. Der bekennende Agnostiker hatte sich schon lange gefragt, warum der Buddhismus im Westen immer populärer wurde und welche Defizite er dort ausglich. Aus diesem Gedankenaustausch entstand 1999 das Buch „Der Mönch und der Philosoph“, das die spirituellen, philosophischen und gesellschaftlichen Perspektiven des Buddhismus und der westlichen Welt gegenüberstellt und deren Gemeinsamkeiten auslotet. Die Quintessenz: Die moderne westliche Philosophie sei oft zu kompliziert und gebe den Menschen keine befriedigenden Antworten.

Daneben veröffentlichte Matthieu Ricard als Autor und Co-Autor weitere Bücher: „Das Licht Tibets. Leben und Welt des spirituellen Meisters Khyentse Rimpoche“ (1998), „Quantum und Lotus“ (2001), „Glück“ (2007), „Hirnforschung und Meditation“ (2008) sowie „Meditation“ (2009). Hinzu kommen die Bildbände „The Spirit of Tibet“ (2000), „Buddhismus im Himalaja“ (2002) und „Tibet. Mit den Augen der Liebe“ (2006).

Ein zentrales Anliegen ist Matthieu Ricard, der heute im Kloster Shechen in Nepal lebt, die Nächstenliebe – und das nicht nur im privaten Bereich: „Buddhismus ist nicht blinder Verzicht, sondern eine Vermeidung der Ursachen des Leids. Egoismus ist eine der fundamentalen Ursachen des Leids – und Nächstenliebe eine wunderbare Methode, es zu vermeiden! Altruismus muss ein Teil der Wirtschaft werden und auch dort den Egoismus ablösen. Nur mit Einbeziehung der Wirtschaft ist auch eine altruistische Gesellschaft möglich!“

So hängt Ricards Herz auch ganz besonders an der von ihm ins Leben gerufenen Organisation „Karuna-Shechen“, die sich ganz humanitären Projekten in Tibet und der Himalaja-Region verschrieben hat: „Während viele NGOs zu wenig über die Einheimischen wissen, lebe ich seit vierzig Jahren hier und spreche deren Sprache. Dadurch können wir ganz gezielt Schulen und Krankenhäuser bauen!“

Foto: Raphaelle Demandre

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