Interview mit dem Erzengel Gabriel

Was in unserer Zeit alles schiefläuft und wie eine bessere Welt aussehen könnte, verrät uns der geflügelte Himmelsbote in einem fiktiven Gespräch.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Gelegenheit, mit den größten Persönlichkeiten der Weltgeschichte zu sprechen! Was würden wohl Buddha, Laotse, Konfuzius, Jesus und Mohammed oder König Artus, Abraham Lincoln, Henri Dunant, Mahatma Gandhi und Mutter Teresa zu den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in unserer modernen Zeit sagen?
Natürlich ist es nicht möglich, Verstorbene zu interviewen, aber träumen wird man ja wohl noch dürfen! Und wenn wir schon dabei sind: Was würde eigentlich ein Engel auf aktuelle Fragen antworten? Wenn wir uns schon die Freiheit nehmen, ein solches Interview in Gedanken durchzuspielen, dann wählen wir doch gleich einen Erzengel – wie wäre es zum Beispiel mit Gabriel?
Der Erzengel Gabriel gilt ja als Bote Gottes und als Überbringer von Nachrichten. Als Engel der Verkündigung und Vermittler zwischen Himmel und Erde hilft er den Menschen, ihre Träume und Visionen zu deuten sowie Geheimnisse zu lüften und die Wahrheit zu ergründen. Im Judentum gilt er als Vorsteher der Cherubim und Seraphim sowie als Beschützer der Stämme Israels, im Christentum bewacht er das Paradies und kündigt Maria die Geburt Jesu an, und im Islam gilt er als Botschafter zwischen Gott und den Propheten und übermittelt die Offenbarung an den Propheten Mohammed.
Der Erzengel Gabriel, dessen Name so viel wie „die Macht Gottes“ bedeutet, gilt darüber hinaus als Schutzherr der Schreiber, Boten und Diplomaten. In der christlichen Kunst trägt er zumeist eine Lilie, einen Olivenzweig oder eine Fackel und wird nicht selten als weibliches Wesen dargestellt. Gäbe es die Möglichkeit, ein Interview mit dem Erzengel Gabriel zu führen, dann könnte das vielleicht so aussehen:

Seit Talmud, Bibel und Koran ist viel Zeit vergangen. Ist der technische Fortschritt der letzten Jahrhunderte von Vorteil für den Menschen oder wäre es besser, das Tempo bei der Entwicklung etwas zu drosseln?

Wissen ist weder gut noch schlecht. Es ist nur dann ein Übel, wenn es missbraucht wird, um Menschen, Tieren und Pflanzen Schaden zuzufügen. Wird es zum Wohle der Allgemeinheit und der Schöpfung eingesetzt, so kann es sehr wohl ein Segen sein. Die Menschheit darf allerdings niemals den Fehler begehen, ihr Wissen zu überschätzen: Wer wenig weiß, glaubt alles zu wissen. Nur, wer viel weiß, bekommt eine leise Ahnung davon, wie viel er noch nicht weiß!

Damit drängt sich die Frage auf, ob der Mensch zu wenig weiß für all das, was er erschaffen hat und noch erschaffen wird. Sollte er sich bei neuen Entwicklungen nicht eingehender überlegen, was er da eigentlich tut?

Der Mensch neigt zur Überheblichkeit. Er ist der Meinung, dass er alles, was er für machbar hält, auch tatsächlich machen sollte. Nur, weil er die Fähigkeit besitzt, Veränderungen herbeizuführen, heißt das noch lange nicht, dass er auch über das nötige Verantwortungsbewusstsein verfügt, um die langfristigen Folgen seines Handels zu berücksichtigen und die Veränderungen in die richtige Richtung lenken zu können. Er sollte öfter an die Kinder denken und sich bemühen, ihnen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen.

Würde ein größeres Verantwortungsbewusstsein der Menschheit vielleicht sogar dabei helfen, politische Konflikte zu vermeiden und kriegerische Auseinandersetzungen zu verhindern?

Der Mensch ist leider kein friedfertiges Wesen. Er kann nur zu einem solchen werden, wenn er sich bemüht, im Einklang mit dem Kosmos, mit der Natur und mit allen Lebewesen zu leben. Er sollte versuchen, hinter die Kulissen zu blicken und die Zusammenhänge zu erkennen. Erst, wenn der Mensch das große Ganze begreift und sich bewusst wird, wie großartig die Schöpfung und wie wertvoll jedes einzelne Lebewesen doch ist, wird er vielleicht zur Einsicht gelangen, dass es höhere Ziele gibt als kurzfristige politische Erfolge oder einen wertlosen Zuwachs an Macht.

Dieser Zuwachs an Macht ist ja zumeist untrennbar mit dem Streben nach Reichtum verbunden. Gibt es denn eine Möglichkeit, dieser Spirale aus Neid und Gier zu entkommen?

Wenn der Mensch von Reichtum spricht, dann meint er stets den materiellen Wohlstand. Es ist keine Sünde, ein angenehmes Leben führen zu wollen – sündhaft wird dieses Streben erst, wenn es auf Kosten der Mitmenschen geht. Die Schöpfung hat so viel zu bieten, dass es keinem Menschen an Nahrung oder Obdach fehlen dürfte. Wenn wenige jedoch all diese Güter anhäufen, dann fehlen sie an anderen Orten. Erst, wenn die Menschen erkennen, dass der wahre Reichtum in der Glückseligkeit und im Einklang mit dem göttlichen Plan liegt, werden sie bereit sein, sich von den Verstrickungen der materiellen Welt zu befreien und ihren Wohlstand gerecht zu verteilen. Erst dann wird keinem, der seinen Beitrag leistet, sein Anteil mehr verwehrt bleiben.

Mit dem wachsenden Wissen und dem technischen Fortschritt hat in vielen Teilen der Welt der Glaube an Bedeutung und an Einfluss verloren. Wird diese Entwicklung nicht mit einem gewissen Argwohn beobachtet?

Viele Menschen neigen zur Ansicht, dass Wissen und Glaube einander ausschließen. Das ist ein großer Irrtum! Das Wissen ist eine Sache des Kopfes, der Glaube hingegen ist eine Sache des Herzens. Wer dem Ruf seines Herzens folgt und seinem Gefühl vertraut, der wird auch in Zeiten des Fortschritts den Glauben nicht verlieren. Dabei spielt es keine Rolle, welche Bezeichnung er dafür wählt: Manche nennen es Religion, andere Spiritualität, wieder andere Einssein mit der göttlichen Ordnung.

Zum Abschluss noch eine heikle Frage: Seit es Religionen gibt, gibt es auch Religionskriege. Auch heute ist das Verhältnis zwischen den großen Religionen alles andere als unbelastet: Wie ist das zu beurteilen?

Es gibt nur einen Gott, eine Erlösung und ein Paradies. Die verschiedenen Religionen sind nur unterschiedliche Wege zu Gott, zur Erlösung und zum Paradies. Daher darf es keine Rolle spielen, für welchen Weg man sich entscheidet, solange das Ziel dasselbe ist! Wer jedoch sein ganzes Denken und Handeln dem Streit über den richtigen Weg widmet, der wird eben dieses Ziel letztendlich aus den Augen verlieren …

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