Interview mit Franz von Assisi

Franz von Assisi war der Gründer des Ordens der Franziskaner, gilt als Schutzpatron der Tiere und wird als Heiliger verehrt. In einem fiktiven Gespräch erfahren wir, was er uns heute zu sagen hätte.

Der gegenwärtige Papst, Jorge Mario Bergoglio, wählte in Erinnerung an Franz von Assisi den Papstnamen Franziskus I. Doch wer war dieser Heilige eigentlich, dem das Oberhaupt der katholischen Kirche diese Ehre zuteilwerden ließ? Sein bürgerlicher Name lautete Giovanni di Pietro Bernardone und er wurde als Sohn eines reichen Tuchhändlers und dessen französischer Ehefrau im Jahr 1181 in Assisi geboren. Das Vermögen der Eltern ermöglichte ihm eine für die damalige Zeit exzellente Ausbildung. Schon in jungen Jahren trat er in den Militärdienst ein, wurde Offizier und führte ein luxuriöses Leben.

Als er sich am Städtekrieg zwischen Assisi und Perugia beteiligte, geriet er in Gefangenschaft und erkrankte schwer. Es wird erzählt, dass er damals eine Vision hatte, die ihn veranlasste, vom Soldatenleben Abschied zu nehmen und sein Leben vollkommen zu ändern. Um das nach außen zu demonstrieren, warf er vor den Augen des Bischofs sowie einer großen Menschenmenge seine gesamte Kleidung von sich, rannte nackt aus der Stadt und schwor, ab sofort nur noch in größter Armut zu leben und Gutes zu tun. Nach seinem Tod am 3. Oktober 1226 breitete sich die Verehrung des Franziskus rasch aus und es wurden ihm zahlreiche Wunder und Heilungen nachgesagt. Könnten wir uns mit Franz von Assisi unterhalten, würde er uns vielleicht Folgendes erzählen:

Vorweg eine Frage, die Ihren Namen betrifft: Sie wurden auf Giovanni getauft. Wieso wurde daraus der Name Franziskus?

Ich muss gestehen, dass ich vor meiner Läuterung ein ausschweifendes Leben geführt habe, wobei mir keine irdischen Laster fremd waren. Da meine Mutter Französin war, fühlte ich mich besonders von den französischen höfischen Sitten angezogen. So bekam ich von meinem Vater den Spitznamen Francesco, was so viel wie „kleiner Franzose“ bedeutet. Daraus wurde dann die lateinische Form Franziskus.

Sie hätten ein fröhliches, unbeschwertes Leben in Luxus führen können. Was hat Sie bewogen, darauf zu verzichten, um den Armen und Kranken zu dienen?

Eines Tages erschien mir Jesus und sprach folgende Worte: „Wenn du vollkommen sein willst, dann verkaufe deinen Besitz und gib das Geld den Armen, so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben. Dann komm und folge mir nach. Nimm nichts mit auf den Weg, keine Vorratstasche, kein Brot und kein Geld!“ Also ging ich in die Welt, entsagte allem Besitz und lebte in tätiger Nächstenliebe. Den Menschen würde ich empfehlen, nur ein wenig davon zu beherzigen, denn Besitz gehört heute mehr denn je zu den wichtigsten Dingen im Leben. Egal, um welche Gegenstände es sich auch handelt: Alle wollen das Beste und Teuerste besitzen. Doch was zählen schon Geld und Gut, wenn wir eines Tages vor unserem Gott stehen und unser Leben rechtfertigen müssen?

Soviel ich weiß, wurden Sie von Ihrer Familie und Ihren Freunden verspottet, ausgelacht und als Sonderling betrachtet, weil Sie als Einsiedler in völliger Armut lebten, obwohl Sie es nicht nötig hatten. Wie fühlten Sie sich dabei?

Spott und Verachtung waren mir immer gleichgültig, denn mein Glaube an Gott, meine Liebe zur Schöpfung und meine Zuneigung zu den Menschen machten mich demütig und stark. Im Laufe der Zeit konnte ich auch andere Zeitgenossen von meiner Lebensweise überzeugen und fand viele Anhänger. Sie lebten wie ich ohne Geld in freiwilliger Armut, kleideten sich einfach und gingen barfuß. Wir nannten uns die „Minderen Brüder“. Im Jahr 1215 reisten wir nach Rom und holten uns von Papst Innozenz III die Erlaubnis für unsere Lebensweise. Das war der Beginn des Ordens der Franziskaner.

Haben Sie nie bedauert, Ihr bequemes Leben gegen Entbehrungen und Armut eingetauscht zu haben?

Der Dank der Armen und Kranken bedeutete mir mehr als aller Reichtum dieser Welt. Wenn ich in eine Stadt kam, ließen sie die Glocken läuten, die Männer winkten mir zu, die Frauen freuten sich und die Kinder zogen mir mit Blätterwedeln entgegen. Das rührte mich zu Tränen.

Es wird erzählt, dass Sie auch mit den Tieren im besten Einvernehmen standen, ja sogar mit ihnen sprechen konnten. Wie war das möglich?

Darauf werde ich mit einem Beispiel antworten: Als eines Tages ein Wolf die Gegend unsicher machte und die Menschen in Angst und Schrecken versetzte, ging ich zu ihm, sprach mit ihm und nannte ihn meinen Bruder. Er wurde zahm wie ein Schoßhündchen, weil er die Liebe spürte, die ich für ihn empfand. Meine Liebe ist allumfassend und ich begegne jeder Kreatur mit Respekt und Demut. Für mich sind alle Schwestern und Brüder, auch Sonne, Mond und Tod – wie ich es ja in meinem berühmten Gesang von „Schwester Sonne und Bruder Mond“ niedergeschrieben habe.

Zu Ihrer Zeit waren das revolutionäre Gedanken, denn Tierhetzen dienten damals der Volksbelustigung. Glauben Sie, dass sich das Verhalten der Menschen den Tieren gegenüber zum Besseren gewandt hat?

In dieser Hinsicht scheint sich nie wirklich etwas zu ändern. Auch heute, in der sogenannten humanistischen Gesellschaft, werden die Tiere nicht besser behandelt als zu meiner Zeit. Sie werden massenweise in Züge oder Lastwagen gepfercht und zu den Schlachthöfen gebracht – nur damit jeder täglich sein Fleisch auf den Tisch bekommt. Und noch immer werden Pelztiere unter den widrigsten Umständen gehalten und grausam getötet. Daher lautet meine Botschaft: Jedes Lebewesen in Bedrängnis hat das Recht auf Schutz!

Immerhin setzen sich bereits viele Menschen für den Tierschutz ein. Überall gibt es Tierschutzvereine, die sich liebevoll der Tiere annehmen. In Österreich werden mit den „Franz von Assisi-Höfen“ sogar völlig neue Wege des praktischen Tierschutzes beschritten. Lässt das nicht hoffen?

Ein Sonnenstrahl macht noch keinen Frühling. Es müsste viel mehr geschehen – weltweit. Aber ich möchte jetzt zum Ende kommen und zum Abschluss der gesamten Menschheit Folgendes ins Bewusstsein rufen: Alle Geschöpfe der Erde fühlen wie wir, alle Geschöpfe streben nach Glück wie wir. Alle Geschöpfe lieben, leiden und sterben wie wir. Also sind sie uns gleichgestellte Werke des Schöpfers: unsere Schwestern und Brüder!

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