Interview mit Jupiter

Wie er die Götter der Antike und die Fragen der heutigen Zeit sieht, erzählt uns der römische Göttervater in einem fiktiven Gespräch.

Das Jahr 2015 steht im Zeichen des Planeten Jupiter. Namensgeber für den aktuellen Jahresherrscher ist der höchste Gott im antiken Rom, der von den alten Römern voller Ehrfurcht „Iuppiter Optimus Maximus“ genannt wurde: bester und größter Jupiter. Erst, als Kaiser Konstantin der Große im 4. Jahrhundert das Christentum als Staatsreligion im Imperium Romanum einführte, verlor die alte römische Religion und mit ihr auch Jupiter an Bedeutung. Hätten wir die Möglichkeit, ein Interview mit dem römischen Göttervater zu führen, dann könnte das vielleicht so aussehen:

Sie waren der höchste Gott der Römer und verfügten über große Macht. Wie gingen Sie damit um?

Ich war der absolute Herrscher über das Götter- und Menschengeschlecht, über Blitz, Donner und Regen. Niemand stand über mir und alle waren meinem Willen unterworfen. Ich gebe ja zu, dass ich meine Macht manchmal missbrauchte, aber wir Götter der Antike hatten durchaus menschlich Züge. Wir waren nicht immer die Guten, denn mit unseren Schwächen waren wir den Menschen ähnlich. Das machte uns ja auch sympathisch. Im Christentum glauben alle an einen einzigen Gott, der im Gegensatz zu den Menschen vollkommen ist. Ich war nicht vollkommen, aber ich wurde von allen – Göttern wie Menschen – verehrt und geachtet!

Warum, glauben Sie, wurde Ihnen diese Achtung und Verehrung entgegengebracht?

Erstens hatte ich den olympischen Göttern zum Sieg gegen die Titanen verholfen, was mich schließlich zum obersten Gott machte. Auch war ich immer für Gerechtigkeit. Menschen, die sich nichts zuschulden kommen ließen, wurden von mir immer belohnt, während die Bösen bestraft wurden. So verwandelte ich beispielsweise den aufmüpfigen Lycaon, der die Götter verachtet hatte, in einen Wolf: Gerechtigkeit gehört zu den Pflichten der Götter.

Apropos Pflichten: Hatten Sie als oberster Gott auch andere Pflichten und Aufgaben?

Jeder Gott war für einen bestimmten Bereich zuständig. Ich war der Beschützer des Staates, der Familie, des Hauses und des Hofes. Als Beherrscher des Donners und des Blitzes oblag mir auch das Wetter. Das Wetter war für das Volk besonders wichtig: Gab es keinen Regen, konnte die Ernte schlecht ausfallen und das bedeutete Hungersnot. Damit hatte ich die Menschen in der Hand. Sie respektierten mich, aber Sie fürchteten mich auch.

Stimmt es, dass Sie ein ziemlicher Schwerenöter waren und keiner schönen Frau widerstehen konnten?

Einem Gott steht das zu! Ich musste ja auch dafür sorgen, dass der Götternachwuchs gesichert war. Auch, wenn ich meine Frau Juno öfter betrog, schätzte und liebte ich sie doch sehr. Den Männern kann ich nur einen Rat geben: Wenn eure Ehefrauen euch eines Seitensprungs beschuldigen, dann leugnet, leugnet, leugnet! Ich stritt immer alles ab, denn meine von mir sehr verehrte Juno hätte meinen Geliebten das Leben zur Hölle gemacht.

Nun, das würde heute nicht anders sein. Es wird auch erzählt, dass Sie für Ihre Verführungsversuche gerne eine andere Gestalt annahmen. Stimmt das?

Ja, es bereitete mir großes Vergnügen, mich in ein Tier zu verwandeln und in dieser Gestalt die Frauen zu verführen. Mein liebstes Tier war der Stier, weil er ein wildes und kräftiges Geschöpf ist. In dieser Gestalt gelang es mir auch, mich der schönen Königstochter Europa zu nähern. Die bezaubernde Antiope schwängerte ich in der Gestalt eines Satyrs, sodass sie die Zwillinge Amphion und Zethos gebar …

Bevor Sie weiter ins Schwärmen über Ihre Eroberungen geraten, habe ich noch andere Fragen an Sie: Sie haben anfangs zugegeben, dass Sie Ihre Macht öfter missbrauchten. Finden Sie das in Ordnung?

Wir sind alle fehlerhaft – auch wir Götter – und wir müssen dafür einstehen. Der Machtmissbrauch stirbt nicht aus. Wer die Macht in Händen hält, wird sie missbrauchen, ob im Kleinen oder im Großen. Wie ich beobachtet habe, sind eure Machthaber noch viel schlimmer, als wir Götter es je waren! Sie sind korrupt, intrigant und spielen die Moralischen. Es wird gelogen, betrogen und gestohlen, aber keiner ist bereit, seine Missetaten offen zuzugeben. Wir Götter machten wenigstens kein Geheimnis aus unseren Verfehlungen – im Gegenteil: Alle wussten über uns Bescheid und wir wurden trotzdem akzeptiert! Übrigens wäre es auch für eure Obrigkeit besser, nicht alle Verfehlungen unter den Tisch zu kehren …

Die Cäsaren waren auch nicht gerade zimperlich, wenn es darum ging, ihre Schandtaten zu leugnen. Oder sehen Sie das nicht so?

Das ist durchaus richtig! Aber ihr bildet euch viel auf euren Humanismus ein und trotzdem hat sich seit der Zeit der Cäsaren nichts Grundlegendes geändert. Die Menschen werden immer noch von der Obrigkeit getäuscht, unterdrückt und mit sinnlosen Regeln und Vorschriften geplagt, damit sie besser unter Kontrolle gehalten werden können. Überall gibt es Zwänge und Vorschriften. Vor allem mit der Gerechtigkeit und dem Recht nehmen es die Machthaber nicht so genau: Vor Gericht müssten alle gleich sein, was aber noch immer nicht der Fall ist!

Zugegeben, es geht nicht gerecht auf dieser Welt zu! Sehen Sie eine Chance, dass sich das eines Tages ändert?

Da muss ich passen! Menschen sind nun einmal so, wie sie sind! Ihr habt euch einen vollkommenen Gott geschaffen, weil ihr eure eigenen Unzulänglichkeiten kennt und den Glauben an das Gute und Vollkommene nicht verlieren wollt – sozusagen als Ausgleich. Die alten Götter der Antike habt ihr vergessen und sie sind nur noch ein Mythos. Wir existieren allerdings immer weiter fort – auch, wenn ihr es nicht wahrhaben wollt! Wir sind sozusagen euer Ebenbild, der Spiegel, in den ihr nicht mehr blicken wollt. Deswegen ist alles, was auf diesem Planeten geschieht, nicht nur menschlich, sondern ebenso göttlich – und das müsst ihr begreifen lernen …

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