Warum lässt mein Schutzengel mich im Stich?

Wenn jemand um Haaresbreite einer Katastrophe entgeht, drängt sich der Verdacht auf, er hätte einen himmlischen Beschützer. Leider haben nicht alle Menschen so viel Glück …

Adele ist 78 und für ihr Alter noch eine erstaunlich rüstige und aparte Dame. Sie bewohnt eine elegante Villa in Hamburg und hatte ihr Leben bis vor Kurzem fest im Griff. Sieht man von einer Reinigungskraft ab, konnte die Witwe sogar ihren Haushalt weitgehend allein führen. Doch dann kam dieser unselige Tag im Mai.
„Ich machte mich nach dem Fernsehen langsam auf den Weg in die obere Etage, wo sich mein Bade- und mein Schlafzimmer befinden. Ich hatte die lange, gewundene Treppe fast schon hinter mir gelassen, als ich auf einer der letzten Stufen ausrutschte, rückwärts über die halbe Treppe fiel und bewusstlos liegen blieb. Meine Zugehfrau fand mich am Morgen, wie ich hilflos dalag, und verständigte den Notarzt.“
Adele brach sich zwei Wirbel und ist seither trotz eines langen Aufenthalts im Krankenhaus an den Rollstuhl gefesselt. Sie lebt zwar noch in der Villa, aber hätte sie nicht eine permanente Betreuung durch eine Pflegerin, müsste sie wohl in ein Heim. Wie in vielen anderen Fällen drängt sich somit auch Adele die berechtigte Frage auf: „Wo war mein Schutzengel? Und warum hat er mit nicht geholfen?“

Was sind Schutzengel?

Bevor sich diese Frage beantworten lässt, sollte zunächst einmal geklärt werden, was man sich eigentlich unter einem Schutzengel vorzustellen hat! Engel sind bereits seit Langem ein fester Bestandteil unserer Gedankenwelt. Die ältesten Darstellungen finden sich in Mesopotamien und sind 5000 Jahre alt. Die Ägypter, die Assyrer und die Juden kannten die geflügelten Himmelsboten ebenfalls und die antiken Griechen und Römer übernahmen diese Vorstellungen: Das Wort „Engel“ stammt aus dem Altgriechischen, wo „Angelos“ so viel bedeutet wie „Bote“.
Das Christentum und der Islam messen den Engeln eine ähnliche Bedeutung als Himmelsboten zu wie das Judentum. In allen drei Religionen sind sie immaterielle Geschöpfe, die in höheren Sphären schweben und über Kräfte verfügen, die unsere Vorstellungskraft weit übersteigen. Sie repräsentieren nicht nur die göttliche Gnade, sondern lassen uns Menschen auch Botschaften zukommen.
Eine besondere Rolle kommt den Schutzengeln zu, die uns vor irdischen Gefahren warnen und bewahren. Es heißt, jeder Mensch habe von Geburt an seinen eigenen Schutzengel, der ihn durch das ganze Leben begleite, über ihn wache und ihm helfe, wenn Gefahr droht oder er in Not gerät. Wenngleich immer mehr Menschen an die Existenz der geflügelten Himmelsboten glauben, hat noch niemand seinen Schutzengel zu Gesicht bekommen – was allerdings wenig erstaunlich ist, zumal es sich ja um kein physisches Wesen handelt. Dennoch gibt es sehr wohl Berichte von einschlägigen Erfahrungen, die von einem unerklärlichen Lichtschein über fremdartige Klänge bis zu einem sanften Luftzug reichen. Am häufigsten wird aber ein ganz bestimmtes und dennoch unbeschreibliches Gefühl geschildert.

Warum ich?

Somit stellt sich die Frage, warum die Schutzengel in manchen Fällen zur Stelle sind und dann wieder nicht, wenn man sie braucht. Karlheinz beispielsweise ist 37 und lebt mit seiner Frau und zwei halbwüchsigen Töchtern in der Nähe von Stuttgart. Der Feinmechaniker war immer ein begeisterter Motorradfahrer und ließ keine Gelegenheit aus, um mit seiner Harley-Davidson über die Landstraßen zwischen Schwarzwald und Odenwald zu brausen – bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem er über eine Kreuzung fuhr: „Ich konnte nicht ahnen, dass ein von links kommendes Auto mir die Vorfahrt nehmen und mich durch die Wucht des Aufpralls Dutzende Meter durch die Luft schleudern würde!“
Die Folge: Serien- und Trümmerbrüche, die so heftig waren, dass er heute weder seinen Beruf ausüben noch ein Motorrad lenken kann. „Während der Monate im Krankenhaus hatte ich ausgiebig Zeit, mir zu überlegen, wie mein Leben weitergehen würde. Schon bald wurde mir klar, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor.“ Wen wundert es da, dass sich auch Karlheinz fragt: „Warum musste das mir passieren? Warum hat mein Schutzengel mich im Stich gelassen?“
Hört man von solch tragischen Unfällen wie von Adele oder Karlheinz, dann drängt sich unweigerlich die Frage auf, warum der Schutzengel so grausam war, wegzusehen – oder schlimmer noch: zuzusehen und das alles geschehen zu lassen! Warum werden manche Menschen gerettet und überstehen schwerste Unfälle nahezu unverletzt, während andere nicht nur aufwendige Behandlungen brauchen, sondern ewig gezeichnet sind oder ihr Leben mitunter sogar ganz verlieren?

Was ist die Vorsehung?

Eine recht plausible Erklärung dafür ist die, dass alle Geschehnisse auf dieser Welt und in diesem Universum einer höheren kosmischen Ordnung unterliegen – oder einem göttlichen Plan, wenn man so will. Viele Menschen sind davon überzeugt, dass unsere Schutzengel nur im Rahmen dieses Plans, der oft auch als Vorsehung bezeichnet wird, in den Lauf der Dinge eingreifen dürfen.
Somit stellt sich aber die Frage, nach welcher Logik dieses System funktioniert – und vor allem: nach wessen Willen? Ist es ein göttliches Wesen, das an den Schalthebeln der Macht sitzt und alles steuert? Gibt es einen Gott, der einfach beschließt, einen Menschen retten zu lassen und einen anderen nicht? Wäre das ein gerechter Gott, wenn man bedenkt, dass gute und wertvolle Menschen oft in jungen Jahren von uns gehen müssen, während brutale Schwerverbrecher und grausame Diktatoren ein biblisches Alter erreichen?
Wohl kaum! Aber was steckt sonst dahinter? Durchaus einleuchtend ist eine Theorie, die besagt, dass es ein Irrtum ist, wenn wir glauben, Schutzengel seien dazu da, um uns vor allen unangenehmen Erfahrungen zu schützen. Das Gegenteil ist der Fall: Schutzengel begleiten unsere unsterbliche Seele auf einem langen Weg des permanenten Lernens, damit sie immer wieder neue Erkenntnisse gewinnt! Leider sind es nicht selten gerade die unangenehmsten Situationen, in denen wir die wichtigsten Erfahrungen machen. Mit jeder neuen Erkenntnis reift unsere Seele allerdings und nähert sich wieder ein kleines Stückchen in Richtung Vollkommenheit …

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