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Interview mit Henry Dunant

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In einem fiktiven Gespräch erzählt der Gründer des Roten Kreuzes über sein Leben und spricht über seine Ansichten zur heutigen Situation der Hilfsorganisationen.

Henry Dunant wurde am 8. Mai 1828 als Sohn einer angesehenen Kaufmannsfamilie in Genf geboren. Seine Eltern waren politisch und sozial höchst engagiert und kümmerten sich nicht nur um Arme und Kranke, sondern auch um das Wohl der Waisen und Vorbestraften. So lernte Henry Dunant schon in jungen Jahren soziale Verantwortung kennen. Da seine schulischen Leistungen jedoch nicht zufriedenstellend waren, verließ er das College Calvin und begann eine Lehre bei einer Bank, in der er auch nach seiner Ausbildung tätig war. In die Geschichte ging Henry Dunant als Gründer des Roten Kreuzes ein: Als er am 30. Oktober 1910 starb, hatte sich die Organisation bereits in 36 Ländern etabliert. So erhielt er schon zu Lebenszeiten von der Schwedischen Akademie für Künste als Erster den Friedensnobelpreis für Menschlichkeit und Toleranz.

Sie gelten als der Gründer des Roten Kreuzes. Wann kam Ihnen die Idee dazu?

Im Jahr 1859 kam ich zufällig in die Gegend von Solferino, weil ich dort den französischen Kaiser Napoleon III treffen wollte. Als ich nach der Schlacht von Solferino, bei der an einem Tag mehr als 40.000 Soldaten ums Leben kamen, das Elend der Verwundeten sah, blieb ich, um zu helfen und zu trösten. Drei Tage und Nächte lang half ich, Wunden zu verbinden und Leiden zu lindern. Es gelang mir, die Bevölkerung zu mobilisieren und in dem kleinen Städtchen ein Lazarett einzurichten. Damals wurde die Idee zur Gründung des Roten Kreuzes geboren.

Welche Situation fanden Sie damals vor? Wie und wo wurden die Kriegsverletzten versorgt?

Diese Situation kann sich ein Europäer heute nicht mehr vorstellen! Auf den Steinböden der Kirchen und in notdürftig adaptierten Gebäuden lagen Menschen aller Nationen. Man hatte sie einfach dort abgelegt, wo Platz war. Ihre Schmerzensschreie waren Tag und Nacht zu hören. Diese quälenden Bilder ließen mich nicht mehr los. So schrieb ich das Buch „Un souvenir de Solferino“, das ich später im Eigenverlag drucken ließ. Ich hatte das Buch immer im Gepäck, um es zu verteilen. Im Handel war es zunächst ja nicht erhältlich …

Ihr Buch ging um die ganze Welt und trug dazu bei, dass sich viele Menschen für das Elend der Kranken und Verwundeten einsetzten. Führen Sie Ihren Erfolg darauf zurück?

Der Erfolg stellte sich ja nicht von heute auf morgen ein. Es war ein langer Weg. In meinem Buch schilderte ich nicht nur drastisch die Qualen der Verletzten, sondern rief auch eindringlich dazu auf, Hilfsgesellschaften zu gründen, die im Kriegsfall den militärischen Sanitätsdienst unterstützen und dabei als neutral gelten sollten. Leider hatte die Öffentlichkeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts kaum Einfluss auf das politische Geschehen: Das Sagen hatten die Monarchen, Aristokraten und das Militär.

Wer bekam Ihr Buch dann damals in die Hand?

Ich verteilte es nicht nur, sondern verschickte es auch – aber nicht an die gekrönten Häupter und Aristokraten oder abgestumpften Minister und Generäle, sondern an deren Ehefrauen, die sich immer wieder sozial engagiert hatten und in den vergangenen Kriegen freiwillig als Krankenschwestern tätig gewesen waren. Die Damen ließen sich bereitwillig für Hilfeleistungen für die Kriegsverletzten erwärmen und so rannte ich beinahe offene Türen ein!

Hatten Sie denn so gute Kontakte zu den adeligen Damen?

Ich muss gestehen, dass ich in meiner Jugend eine gewisse Schwäche für die höfischen Formen und den adeligen Pomp hatte. Damals bewegte ich mich gern in diesen Kreisen. Diese Kontakte konnte ich nutzen, aber es waren letztendlich auch die Schweizer Bürger, die mir halfen, meine Idee in die Tat umzusetzen. Es gelang mir, ein Netzwerk zu den diversen Entscheidungsträgern aufzubauen und die „Genfer gemeinnützige Gesellschaft“, einen Verein angesehener Genfer Bürger, dazu zu bewegen, mich zu unterstützen. Es wurde eine Konferenz einberufen, in der die so genannte „Genfer Konvention betreffend die Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen“ beschlossen wurde – womit das Rote Kreuz gegründet war!

Das Rote Kreuz ist mittlerweile weltweit zu einer anerkannten Institution geworden, die sich nicht nur der Kriegsopfer annimmt, sondern auch alter, kranker, verletzter und behinderter Menschen. Ist das nicht ein Erfolg?

Sicherlich, aber es könnte noch besser sein! In einer derart großen Organisation muss es fix angestellte Ärzte und Schwestern geben – und das kostet Geld. Ohne die Spenden und die vielen freiwilligen Helfer könnte das Rote Kreuz in dieser Form nicht existieren. Es wäre Aufgabe des Staates, die nötigen Finanzen für Hilfsorganisationen aufzubringen, die leider immer noch gezwungen sind, um Spenden zu betteln, damit sie überleben können!

Immerhin sind die Menschen heute bereit, zu spenden. Das ist doch ein Fortschritt: Meinen Sie nicht?

Selbstverständlich hat sich vieles zum Besseren gewendet! Leider sind die humanitären Institutionen oft schlecht organisiert. Es gibt zu viel Verwaltungsaufkommen, sodass die Weiterleitung der Spenden an die wirklich Hilfsbedürftigen nicht so funktioniert, wie es sein sollte. Es werden Charity-Events veranstaltet, die eine Menge Geld verschlingen und häufig von der High Society dazu benützt werden, ihr Image aufzupolieren. Das Fernsehen bringt Berichte über die Spendenfreudigkeit der Prominenten und alles sieht großartig aus – aber die Hilfe kommt nicht dort an, wo sie wirklich nötig wäre …

Sehen Sie eine Lösung für dieses Problem?

Die Menschheit müsste sich ändern. Gier, Machtstreben, Herrschsucht, Intoleranz und Aggressivität verleiten die Machthaber dazu, ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen. Und die Wirtschaft spielt da mit, denn Kriege sind ein gutes Geschäft – vor allem für die Waffen- und Rüstungsindustrie. Dass Menschenleben dabei geopfert werden, scheint keine Rolle zu spielen. Ebenso wenig Not und Elend der Bevölkerung. Solange das so bleibt, wird es auch keine wirkliche Lösung geben …

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