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Interview mit Laotse

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Interview mit Laotse

Der geheimnisvolle Weise aus dem chinesischen Altertum hat uns auch heute noch viel zu sagen. Wir müssen nur bereit sein, seinen Erkenntnissen nachzugehen und die Wahrheiten dahinter zu entdecken.

Obwohl seine Zitate und weisen Sprüche in aller Munde sind, weiß eigentlich niemand so genau, wer Laotse wirklich war und wann er genau gelebt hat. Es gibt zahllose Erzählungen und Anekdoten über seine Person und ebenso viele Interpretationen seines umfangreichen Werkes „Tao-Te-King“. Sicher ist, dass Laotse nicht sein eigentlicher Name war, sondern ein Ehrenname, der so viel bedeutet wie „der Alte“.
Häufig wird behauptet, dass er der Begründer des Taoismus sei, weil die Taoisten ihn bis heute wie einen Gott verehren. Das stimmt ebenso wenig wie viele andere Behauptungen über ihn. Denn der alte Weise musste für viele Glaubensrichtungen mit seinem Namen herhalten, ohne dass er je mit ihnen zu tun hatte. Da er auf Berühmtheit keinen Wert legte, verstand er es, sich vor den Augen der Welt zu verbergen – zu Lebzeiten wie nach dem Tod.
Wahrscheinlich stammte Laotse aus der heutigen Provinz Henan und lebte wohl Ende des 7. Jahrhunderts vor Christus. Der Überlieferung nach bekleidete er lange das Amt eines Archivars am kaiserlichen Hof. Als China im Chaos versank, soll er das Land verlassen haben und nie mehr gesehen worden sein. Allerdings soll er nach Meinung der Taoisten immer wieder als Verkünder und Lehrer inkarnieren. Stellen Sie sich vor, wir hätten ihn aufgespürt und ihn nach seiner Meinung zu „einst und jetzt“ befragt:

Warum haben Sie Ihr Land verlassen und sich fortan im Verborgenen gehalten?

Das kam erst im Alter. In jungen Jahren arbeitete ich am Hof des Königs von Zhou und kümmerte mich um die Annalen des Reiches, während rundum das Chaos herrschte. Es regnete Erlässe und Widerrufe, Kriegerklärungen und Friedensschlüsse. Alle diese Unterlagen bekam ich auf den Tisch. Aber ich hatte auch Zugang zu alten Schriftrollen, in denen ich viel Weisheit fand. Ich erkannte die Sinnlosigkeit des menschlichen Handelns. Als ich sah, dass sich die öffentlichen Zustände ständig verschlimmerten, versuchte ich zu retten, was zu retten war. Nicht leere Geschäftigkeit oder eitle Ruhmsucht brachte mich zu diesen verzweifelten Anstrengungen, sondern die unerbittliche Pflicht zu helfen, weil ich mich im Besitz der Mittel zur Hilfe wusste. Doch niemand hörte auf mich. Erst als die öffentlichen Zustände so sehr aus den Fugen geraten waren, dass keine Aussicht auf Herstellung der Ordnung bestand, schwang ich mich auf meinen schwarzen Ochsen und verließ das Land.

Wie sehen Sie die öffentlichen Zustände in unserer Zeit?

Es gab zu allen Zeiten schlimme Zustände, aber das Böse wurde von Tyrannen verkörpert und das Volk wehrte sich irgendwann und erhob sich gegen sie. Dadurch kam es immer wieder zu Veränderungen. In eurer Zeit läuft das anders. Nach außen hin werden Menschenliebe, Moral und Gerechtigkeit als hohe Ideale verkündet, während im Inneren der Menschen Gier und Habsucht alles vergiftet. Das Volk seufzt zwar unter dem Druck des Systems, aber es ist zu bequem und hat nicht die Kraft zu einer Veränderung. Eine tief greifende innere Unwahrhaftigkeit hat alle Verhältnisse durchfressen.

Wie lässt sich das Ihrer Meinung nach ändern?

Solch einer Krankheit ist nicht mit äußeren Mitteln – nicht einmal mit den besten Arzneien beizukommen. Da ist es besser, den angegriffenen Körper zur Ruhe kommen zu lassen und zu hoffen, dass die Genesungskräfte der Natur helfend einspringen. Diese Erkenntnis habe ich auch im Tao-Te-King niedergeschrieben.

Wie entstand eigentlich die Niederschrift des Tao-Te-King?

Es war tatsächlich so, wie man es sich noch heute erzählt. Als ich auf meinem schwarzen Ochsen reitend an den Grenzpass Han-Gu kam, erkannte mich der Zöllner und bat mich, ihm ein Schriftstück zu hinterlassen. Darauf schrieb ich das Tao-Te-King nieder – und es wurde länger als vorgesehen, bestand es doch am Ende aus mehr als 5000 Schriftzeichen. Mir selbst lag nie etwas daran, meine Lehren zu verbreiten. Darum sei dem Zöllner Dank, denn er war es, der mir mein Wissen erst entrissen hat. Und das sollte jedem als Vorbild dienen.

Auch in unserer Zeit wird viel Wert auf Bildung und Wissen gelegt. Sehen Sie das nicht so?

Die Menschen suchen nicht mehr nach Erkenntnis. Sie holen sich aus dem Internet oberflächliches Wissen und prahlen dann damit. Oder sie verwenden ihr Wissen, um noch mehr Geld zu verdienen. Niemand begibt sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens, nach der Wurzel des Seins. Wahren Wert erhält ein Wesen dadurch, dass es infolge seiner Berührung mit den Tiefen des Weltgrundes im eigenen Licht zu leuchten vermag: Die große Kunst kennt keine Verzierung, ein großes Juwel hat eine raue Schale.

Könnten Sie das vielleicht etwas einfacher ausdrücken?

Das heißt, dass echtes Licht nicht erst der Anerkennung durch die Menschen bedarf. Das, was wir von Himmel und Erde erhalten, kann nicht nur danach beurteilt werden, ob es für uns Menschen nützlich ist oder nicht. Der Idealmensch lebt nicht für sich selbst, er sucht auch nichts für sich selbst, sondern er lässt das Leben an sich geschehen. Er vermeidet Bewertungen und kennt keine Gegensätze.

Wollen Sie damit sagen, dass es keinen Unterschied zwischen Gut und Böse, Schön und Hässlich geben sollte?

Wenn auf Erden alle das Schöne als schön erkennen, ist dadurch schon das Hässliche gesetzt. Wenn alle das Gute als gut erkennen, ist das Böse schon gesetzt. Denn Sein und Nichtsein erzeugen einander. Schwer und Leicht vollenden einander.

Würden Sie uns zum Abschluss noch einen Rat geben?

Denkt an einen nutzlosen Baum. Wenn ihr nützlich seid, werdet ihr abgesägt und zu Möbelstücken verarbeitet. Wenn Ihr schön seid, werdet ihr zur Ware gemacht. Seid wie dieser Baum – absolut unbrauchbar. Dann werdet ihr in die Höhe und Breite wachsen, und Tausende werden unter euch Schatten finden!

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